Arbeits- WG auf dem Kiez

Arbeits- WG auf dem Kiez 1024 567 Hamburg Team
Projektentwicklung

Arbeits-WG auf dem Kiez

Das Paulihaus ist unser derzeit persönlichstes Projekt. Hier bauen wir im Rahmen einer Baugemeinschaft für uns selbst.

Dass sich Menschen in Baugemeinschaften zusammenfinden, um individuelle Wohnräume und auch eine bestimmte Form des gemeinschaftlichen Lebens gestalten zu können, ist heute ein vertrautes Thema. Deutlich seltener findet sich dieser
Ansatz in der Arbeitswelt. Hinter dem Projekt Paulihaus steht eine Baugemeinschaft aus vier Unternehmen, die sich in den vergangenen Jahren zusammengefunden haben. Zu ihr gehören die steg Stadtentwicklungsgesellschaft,

Managementgesellschaft für Stadt und Quartiersentwicklung, das Unternehmen ARGUS, Dienstleister im Bereich Stadtund Verkehrsplanung, die Markenmacherei Pahnke, eine der führenden Markenagenturen im Bereich Fast Moving Consumer Goods, und HAMBURG TEAM. Allen gemeinsam ist der Wunsch, im vertrauten Kiez zu bleiben und in ein modernes Arbeitsumfeld umzuziehen, das den Anforderungen ihrer Arbeitsgebiete Rechnung trägt.

Das neue Paulihaus soll an der Ecke Neuer Kamp/ Neuer Pferdemarkt direkt neben der Rindermarkthalle entstehen, wo sich heute zwei eingeschossige Backsteingebäude aus den 1950er Jahren befinden. Dieses Grundstück liegt – historisch gesehen – an der äußersten Ecke des früheren ausgedehnten Schlachthofgeländes, das sich vom Sternschanzenbahnhof bis zum Heiligengeistfeld erstreckte. Im Zuge der Rationalisierung und Modernisierung des Hamburger Schlachtbetriebes fand der Viehmarkt auf dem Heiligengeistfeld 1971 jedoch sein Ende. Für die alte Rindermarkthalle begann damit eine Zeit verschiedener Nachnutzungen. Unterschiedliche Ideen wurden hierzu diskutiert, u. a. die Idee einer Großveranstaltungshalle, eines Freizeit- Paradieses oder auch die der Unterbringung einer Bildungseinrichtung.

Der erforderliche Umbau, der auch die Integration eines Parkdecks vorsah, brachte durch das Einziehen einer Stahlbetondecke eine wesentliche Veränderung für das Gebäude mit sich, die fortan von Bestand sein sollte. Der frühere lichte Hallencharakter war damit verschwunden. Im Erdgeschoss konnte nur noch wenig Licht von außen einfallen. In der benachbarten Rindermarkthalle fanden die großen Viehmärkte statt, zu denen die Tiere in Waggons mit der Bahn gebracht wurden. Im Zweiten Weltkrieg wurde das 1888 errichtete Bauwerk fast vollständig zerstört und 1950 als moderner Industriebau auf dem alten Grundriss wieder aufgebaut. Fortan diente es zusätzlich auch als Mehrzweckhalle für Großveranstaltungen unterschiedlichster Art. Letztlich wurde die Halle jedoch zu Hamburgs größtem Selbstbedienungswarenhaus umgebaut, das dort im Mai 1973 eröffnete.

Für über drei Jahrzehnte war das Thema SBMarkt in der Rindermarkthalle nun gesetzt. Erst 2010 zog nach mehreren Betreiberwechseln der letzte SBMarkt aus. Ein neues nachhaltiges und stadtteilverträgliches Gesamtkonzept sollte unter Beteiligung der Öffentlichkeit entwickelt werden. Dabei wurde zunächst die Umgestaltung der Rindermarkthalle zu einer großen Konzerthalle favorisiert. In diesem Kontext lobte die Stadt einen Wettbewerb aus, zu dem sechs Architekturbüros eingeladen wurden. Diese sollten jeweils Entwürfe für die Optionen Erhalt und Neubau vorlegen. In der Kategorie Erhalt wurde der Entwurf des Architekturbüros Störmer Murphy and Partners mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Er sah neben einer entsprechenden Umgestaltung der Rindermarkthalle zu einer Music Hall auch eine flankierende

Bebauung mit zwei Büroriegeln an der Seite zum Heiligengeistfeld hin und an der Straße Neuer Pferdemarkt vor. Der Entwurf wurde aber nicht umgesetzt, die öff entliche Diskussion über die Zukunft der Rindermarkthalle verlief sehr kontrovers. Schließlich wurde 2011 von der Stadt ein langfristiger Pachtvertrag mit dem Unternehmen EDEKA abgeschlossen und die Halle in ihrer heutigen Form als moderne Markthalle mit Einzelständen in der Art eines überdachten Wochenmarktes sowie mehreren großen Einzelhandelsflächen im Erdgeschoss hergestellt. 2013 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt, 2014 erfolgte die Wiedereröffnung. Im Obergeschoss zogen verschiedene gewerbliche Mieter sowie soziale und kulturelle Einrichtungen ein, darunter auch die Mevlana Moschee, die bereits vor dem Umbau dort Mieter war.

FAKTEN

Grundstück
ca. 3.575 m²

Projektvolumen
ca. 10.870 m² BGF

Architektur
coido architects

Projektierung
2015 – 2019

Bauzeit
2019 – 2021

Das Paulihaus nimmt den Faden aus dem Siegerentwurf von Störmer Murphy and Partners wieder auf und spinnt ihn weiter. Von der Baugemeinschaft wurde hierfür ein städtebaulich- hochbauliches Werkstattverfahren ausgelobt, zu dem fünf Architekturbüros eingeladen wurden. Der Siegerentwurf von coido architects sieht einen in Backsteinoptik gehaltenen sechsgeschossigen Solitär vor, der die Höhe der umliegenden Bebauung an dieser Kreuzung aufnimmt. Das Haus wird in den oberen Geschossen etwa zu gleichen Teilen von steg, ARGUS und HAMBURG TEAM auf der einen Gebäudeseite und Pahnke, dem größten Mieter im Gebäude, auf der anderen Gebäudeseite genutzt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Ausgestaltung des Erdgeschosses, dessen Nutzungen das Gebäude mit dem Stadtteil verbinden. Neben den Eingangsbereichen der Baugemeinschaft sollen hier vorrangig die Bestandsmieter der eingeschossigen Bestandsgebäude in den Neubau integriert und weitere kleinteilige Flächen für stadtteilbezogene Nutzungen geschaffen werden. Dazu gehört auch die Planung eines öffentlichen Cafés, das sich in der Mitte des Gebäudes befinden wird.

Sven Ove Cordsen ist Partner im Architekturbüro coido, das seit elf Jahren in Hamburg aktiv ist und seinen Sitz in St. Pauli hat. Realisiert werden städtebauliche und architektonische Projekte im gesamten Bundesgebiet.

Was ist die Grundidee für dieses Gebäude?
Die ergibt sich aus verschiedenen Aspekten. Fangen wir mal mit dem Städtebau an. Das ganze Areal mit dem großen Heiligengeistfeld und
den solitärhaften Bauten Bunker, Stadion und Rindermarkthalle ist etwas Besonderes, und unser Entwurf orientiert sich an diesem Areal und nicht an der Bebauung auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Neubau bildet praktisch als Riegel den Abschluss dieses Areals.
Das ist die erste Grundidee. Dann haben wir nach einem Bild gesucht

und das orientiert sich an dem Rindermarktareal. Inspiriert haben uns die Gebäude des Meatpacking District in New York. Wir wollten ein eher ruppiges, einfaches Haus, auch in der Materialität. Ein repetitives Haus mit einer kla­ren Struktur, das sich dem Stadtteil offen zuwendet, ohne repräsentativen Anspruch, und das in das Umfeld passt. Entstanden ist auf diese Weise ein Fassadenbild, das eher untypisch für Bürogebäude in Hamburg ist. Gerade dieses große Liegende ist ungewöhnlich, aber das gibt dem Haus, dessen Grundduktus Wiederholung und Ruhe ist, einen

klaren Charakter. Wenn man sich dem Haus nähert, enthält diese vermeintliche Gleichförmigkeit jedoch ein paar Details: Stützen, die sich nach oben hin verjüngen, Fensterhöhen, die nach oben hin zunehmen. Das Haus wird nach oben hin ein bisschen leichter. Die Geschosshöhen sind überall gleich, nur die Proportionen von Ziegel, rotem Beton und Fensterflächen zueinander verändern sich. Mit der Ziegelfassade stellen wir den optischen Bezug an dieser Ecke zur Rindermarkthalle und zur Rinderschlachthalle her und ordnen das Gebäude noch einmal deutlich diesem Gebäudeensemble zu, sozusagen als neue Interpretation des Themas mit einem helleren Ziegel. Auch der rote Beton, der zu sehen ist, ist ein eigenes Material, das die Rindermarkthalle nicht hat.

Hier bauen vier Bauherren für die eigene Nutzung. Woran erkennt man das im Entwurf?
Das ist sehr präsent. In der Vorplanung ging es um das Thema Flächensynergien in dem Gebäudeteil, in dem sich die Räume von ARGUS, steg und HAMBURG TEAM befinden.

Zur Zwischenpräsentation haben wir vorgeschlagen, dass man diese Synergiebereiche – die vorher angedacht waren im letzten Geschoss, zusammen mit Besprechungsraum, Bar und Dachterrasse und im Erdgeschoss mit Café und Foyer – vertikal auf die Geschosse verteilt, jeder Mieter also einen Teil seiner Fläche hierfür zur Verfügung stellt. Auf diese Weise entstanden vertikal übereinanderliegende Foyers, und diese waren zunächst komplett von unten nach oben miteinander verbunden, durch alle Flächen von steg, ARGUS und HAMBURG TEAM hindurch. Bei Pahnke werden alle Geschosse durch innen liegende Treppen mit-einander verbunden und in diesem Bereich besondere Räumlichkeiten abgebildet. Diese vertikale Durchlässigkeit in beiden Nutzerbereichen ermöglicht den Zusammenschluss zu einem »Loop«, wie wir es genannt haben, durch das gesamte Haus. Denn oben, im letzten Stockwerk, wo auch die jeweiligen Kantinenbereiche der Nutzer liegen, wird über die gemeinschaftliche Nutzung der Dachterrasse eine Verbindung beider Gebäudeteile hergestellt. Im

Erdgeschoss wiederum ermöglicht dies das Café, von dem aus man direkten Zugang in beide Eingangsbereiche nach links und nach rechts hat. Nach außen hin zeigt sich dies in der Fassade dadurch, dass sich an den Stellen der vertikalen Foyers deutlich größere Fensterflächen befinden, sich das Gebäude hier mehr dem Stadtteil öffnet.

Was hat die Arbeit an diesem Entwurf besonders gemacht?
Das ist letztlich genau diese Programmierung. Es sollten eben nicht einfach 11.000 m² Bürofläche erstellt werden, sondern ganz spezifische Räume für Nutzer, die ja bereits feststanden. So konnten wir eine individuelle Arbeitswelt entwickeln, die gleichzeitig aber auch andere Vermietungsszenarien abbilden könnte. Das Bild und die innere Organisation des Gebäudes zu entwickeln hat uns sehr viel Freude gemacht. Und die Vorstellung, dass die Autowerkstatt später genau an der Stelle wieder ihre Pforten öffnet, wo sie bereits vor ­ her jahrelang stand – nur dann hinter einer Glasfassade –, das finde ich faszinierend.

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