JUNG, RAU und HIP

JUNG, RAU und HIP 1024 683 HAMBURG TEAM
Urbanes Leben- Friedrichshain

JUNG, RAU und HIP

Sonnenuntergang über dem Gleisbett als kollektives Erlebnis – das ist Kult in Friedrichshain und lockt an lauen Sommerabenden viele junge Leute hierher. Doch die Silhouette, die von der Sonne in goldenes Licht getaucht wird, hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Die vielen Kräne stehen symbolhaft für den Wandel in Berlins angesagtem Stadtteil.

Häuserfassaden in der Knorrpromenade, 1922-13 entstanden

Läuft man durch die Straßen des Südkiezes von Friedrichshain, durch das Gebiet rund um den „Boxi“, den Boxhagener Platz, wie er hier liebevoll genannt wird, dann wird schnell klar: Friedrichshain ist ein Ort, der bei den Jungen und Junggebliebenen, die nach einen Ort zum Leben suchen, stark nachgefragt ist, und ein zunehmend internationaler und touristischer Stadtteil. Das war nicht immer so. Seit den Nachkriegsjahren waren die Einwohnerzahlen in Friedrichshain zunächst kontinuierlich gesunken. Erst seit 1999 nimmt die Bevölkerung in Friedrichshain – Mitte des 20. Jahrhunderts betrug sie etwa 193.000 Einwohnern – wieder zu und liegt heute bei ca. 130.000. 2001 wurde der einst eigenständige Bezirk verwaltungstechnisch mit Kreuzberg zum kleinsten Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg verschmolzen. Ein westlicher Stadtteil wurde hier mit einem östlichen vereint, und der neue Bezirk, wenn auch flächenmäßig der kleinste, weist die höchste Bevölkerungsdichte in Berlin auf. Diese bezirkliche „Zwangsheirat“ der beiden Stadtteile fand vom Ende der 90er-Jahre bis 2013 ihre parodistische Bearbeitung in der jährlichen Gemüseschlacht auf der Oberbaumbrücke, die beide Ortsteile verbindet. Dabei bewarfen sich die Kiezanhänger gegenseitig mit faulem Obst und Wasserbomben, um die Gegenseite auf ihr Terrain zurückzudrängen und sich selbst als Eroberer zu küren.

Seinen Namen verdankt Friedrichshain der Parkanlage am nordwestlichen Ende des Stadtteils. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt und namentlich Friedrich II. von Preußen gewidmet. Die Namensgebung wirkt paradox, hält man sich vor Augen, dass Friedrichshain ein für viele Jahrzehnte von Armut und proletarischen Strukturen geprägter Stadtteil gewesen ist. Noch heute lassen sich zahlreiche Spuren der

ausgeprägten Industrialisierung des Viertels ausmachen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann und die Errichtung einer Vielzahl von Produktionsstätten und Mietskasernen nach sich zog. Knorr Bremse z. B. baute an der Neuen Bahnstraße Druckluftbremsen für Eisenbahnen. An der Boxhagener Straße stellten die Cyclonwerke motorisierte Dreiräder her, an der Rotherstraße wurden Glühlampen produziert.

Die Frankfurter Allee, die große Magistrale Friedrichshains, mit dem Frankfurter Tor

Kneipen und Restaurants an der Simon- Dach- Straße

Neubau kompletter Häuserblocks zwischen Revaler Straße und Simplonstraße

Der Boxhagener Platz gehört zu den wenigen Grünflächen im Südkiez

Eines der ältesten Wohnhäuser Friedrichshains an der Boxhagener Straße 70

Zu den ältesten Wohnhäusern der damaligen Zeit zählt ein kleines Gebäude an der Boxhagener Straße 70. Zwei andere erhaltene Wohnanlagen vom Beginn des 20. Jahrhunderts stellen Beispiele bürgerlichen Wohnens der damaligen Zeit dar. Die Häuser in der Knorrpromenade mit ihren Schmucktoren und den kleinen Vorgärten sind eine echte Besonderheit im Stadtteil. Sie entstanden zwischen 1911 und 1913. Die kleine Seitenstraße zwischen Wühlischstraße und Krossener Straße wurde namentlich dem 1911 verstorbenen Unternehmer Georg Knorr gewidmet. Auch der Helenenhof, eine zwischen Gryphius- und Holteistraße 1906 erbaute grüne Wohnanlage mit über 500 Wohnungen war für die finanziell Bessergestellten entworfen worden. Eigentümer ist der 1900 gegründete Beamten-Wohnungsverein.

Nach der Jahrtausendwende beschleunigten sich in Friedrichshain die Neubauprojekte. Baulücken wurden geschlossen, Brachflächen bebaut. Zu den aktuell größten Wohnungsneubauprojekten gehören die Häuser an der Revaler Straße zwischen Ostkreuz und Modersohnbrücke sowie das „Box 7“ an der Boxhagener Straße auf dem Areal des Autozulieferers Freudenberg, der 2011 seinen Betrieb nach Adlershof verlegt hatte. Hunderte neuer Wohnungen sind allein an diesen beiden Orten entstanden bzw. befinden sich noch in der Fertigstellung. Der Zustrom nach Friedrichshain scheint ungebrochen.

Zu den ältesten Wohnhäusern der damaligen Zeit zählt ein kleines Gebäude an der Boxhagener Straße 70. Zwei andere erhaltene Wohnanlagen vom Beginn des 20. Jahrhunderts stellen Beispiele bürgerlichen Wohnens der damaligen Zeit dar. Die Häuser in der Knorrpromenade mit ihren Schmucktoren und den kleinen Vorgärten sind eine echte Besonderheit im Stadtteil. Sie entstanden zwischen 1911 und 1913. Die kleine Seitenstraße zwischen Wühlischstraße und Krossener Straße wurde namentlich dem 1911 verstorbenen Unternehmer Georg Knorr gewidmet. Auch der Helenenhof, eine zwischen Gryphius- und Holteistraße 1906 erbaute grüne Wohnanlage mit über 500 Wohnungen war für die finanziell Bessergestellten entworfen worden. Eigentümer ist der 1900 gegründete Beamten-Wohnungsverein.

Nach der Jahrtausendwende beschleunigten sich in Friedrichshain die Neubauprojekte. Baulücken wurden geschlossen, Brachflächen bebaut. Zu den aktuell größten Wohnungsneubauprojekten gehören die Häuser an der Revaler Straße zwischen Ostkreuz und Modersohnbrücke sowie das „Box 7“ an der Boxhagener Straße auf dem Areal des Autozulieferers Freudenberg, der 2011 seinen Betrieb nach Adlershof verlegt hatte. Hunderte neuer Wohnungen sind allein an diesen beiden Orten entstanden bzw. befinden sich noch in der Fertigstellung. Der Zustrom nach Friedrichshain scheint ungebrochen.

Der Boxhagener Platz gehört zu den wenigen Grünflächen im Südkiez

Eines der ältesten Wohnhäuser Friedrichshains an der Boxhagener Straße 70

Auf der Halbinsel Strahlau steht Alt neben Neu: Im Hintergrund der historische Palmkernölspeicher, rechts neue Wohnhäuser

Die Oberbaumbrücke ist das Wahrzeichen von Friedrichshain- Kreuzberg

Der sozialistische „Bruderkuss“, Gemälde von Dimitri Wladimirowitsch Wrubel, 1990, East Side Gallery

Der Helenhof – gutbürgerliches Wohnen zwischen Wühlischstraße und Krossener Straße zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Das Berghain, ein ehemaliges Heizkraftwerk, heute weltweit bekannter Technoclub

Blick auf das östliche Spreeufer von Friedrichshain zwischen Oberbaumbrücke und Eisenbrücke

Vom Image eines nachgefragten, hippen Stadtteils war Ende der 80er/Anfang der 90er in Friedrichshain noch nicht viel zu spüren. „Für mich war Friedrichshain früher einer der langweiligsten Stadtteile“, sagt Janine Baumeister, die erst in Hohenschönhausen in der Platte, später dann in Steglitz aufwuchs und schließlich 2009 in Friedrichshain, in der Holteistraße, ihre neue Heimat fand. „Ich hatte hier als Kind eine Freundin und fand es immer doof, zu ihr zu kommen. Hier gab es gefühlt kein einziges Café oder Restaurant.“ Das hat sich zwischenzeitlich fundamental geändert. Der Kiez am Ostkreuz ist heute eine einzige Abfolge von Cafés und Restaurants, ebenso wie der bekannte Simon-Dach-Kiez, der zum touristischen „Must-have“ avancierte. Dazu gehört auch ein Besuch der Oberbaumbrücke, des Wahrzeichens des Bezirks, sowie ein Erinnerungsfoto vor dem „Bruderkuss“ von Honecker und Breschnew, dem wohl berühmtesten Gemälde der East Side Gallery, einer Open-Air-Kunstausstellung auf einem erhaltenen Teilstück der Mauer. Nachdem der Tourismus im Simon-Dach-Kiez in den vergangenen Jahren samt entsprechenden Begleiterscheinungen wie zunehmender Vermüllung, Lärm und dadurch genervten Anwohnern enorm zugenommen hatte, entschied der Bezirk, dieses Gebiet in den städtischen Medien nicht mehr zu bewerben.
Es ist deutlich dichter geworden im Südkiez von Friedrichshain, das beobachtet auch Lucia Meinhold, die seit 2002 an verschiedenen Stellen in Friedrichshain gelebt hat. Derzeit wohnt sie mittendrin im tiefsten Friedrichshain in der Gryphiusstraße, hält jetzt aber Ausschau nach einer Wohnung im ruhigeren Gebiet um die Petersburger Straße herum, nördlich der Frankfurter Allee, die den Stadtteil praktisch in einen südlichen und einen nördlichen Teil trennt. „Hier prallen inzwischen sehr unterschiedliche Interessen auf immer enger werdendem Raum aufeinander – Eltern mit Kindern, Partygänger, Hundehalter“, sagt sie. „Es fehlen einfach die ausgleichenden Grünflächen.“

Zwar keine wirklich grüne, aber eine große Freifläche besitzt der Südkiez allerdings noch, das etwa sieben Hektar große RAW-Gelände. RAW steht für Reichsausbesserungswerk. Das frühere Areal der Deutschen Bahn liegt an der Ecke Revaler Straße/Warschauer Straße. Seit der Aufgabe des Betriebs sind in die leer stehenden Gebäude und Hallen Sport- und Kultureinrichtungen, Galerien, Clubs und Gastronomiebetriebe eingezogen. „Hier spürt man noch einen letzten Rest Ost-Charme“, sagt Lucia Meinhold und wünscht sich, das RAW möge in seiner jetzigen Art erhalten bleiben und dem Zugriff von Kommerz und Konsum trotzen.

Unter der Woche geht es dort eher ruhig zu. Tagsüber tummeln sich ein paar Kletterbegeisterte an der Fassade eines zum Freeclimbing umfunktionierten Turms; eine Gruppe von Mini-Hot-Rods, eine Mischung aus Go-Karts und der guten alten Seifenkiste, verlässt das Gelände zu einer Sightseeing-Tour durch Berlin; vereinzelt überqueren ein paar Besucher das Gelände. Erst am Abend, vor allem am Wochenende, setzt ein starker Zustrom von Menschen ein. Viele von ihnen reisen über das Wochenende extra an, um mal richtig abzufeiern. Und wer hier doch nicht das Richtige für die Nacht findet, kann sich nur ein paar Straßen weiter in die Schlange vor dem Berghain einreihen, einem der international berühmt-berüchtigtsten Clubs überhaupt, der am Wochenende seine Tore öffnet. Wer reinkommt, hat Glück gehabt und die optische Prüfung von Berlins bekanntestem Türsteher Sven Marquard bestanden. Drinnen herrscht absolutes Fotoverbot, weshalb von den Innenräumen des Berghain nur sehr wenige Bilder im Internet kursieren, dafür umso mehr Geschichten über freizügige Partys und Darkrooms.
Doch die ausgeprägte Club- und Kneipenszene ist nur eines der vielen Gesichter von Friedrichshain. An vielen Stellen geht es deutlich beschaulicher zu. Ein ganz besonderer Ort ist die Halbinsel Stralau. Dort findet man absolute Idylle mit echter Seeromantik. Zwischen den letzten Zeitzeugen früherer industrieller Nutzung dieses Areals – der Teppichfabrik, dem Glaswerk und dem Palmkernölspeicher – ist am südöstlichsten Punkt Friedrichshains ein komplettes Neubauviertel entstanden,

Das RAW- Gelände – leuchtender Eingang bei Nacht

das atmosphärisch wenig mit dem Rest des Stadtteils zu tun hat. Aber auch nördlich der Frankfurter Allee ist es ruhiger, wie z. B. im Samariterviertel, das bei Familien sehr beliebt ist.Im Kernkiez Friedrichshain sorgt sich Janine Baumeister um die weitere Entwicklung ihres Kiezes: Sie stellt fest, dass nicht nur fortwährend mehr gebaut, sondern

auch vieles verbaut wird. „Es verändert sich alles immer mehr in Richtung Prenzlauer Berg, und den findet man hier ja eigentlich viel zu schick“, meint sie. „Hier ist es noch rauer, und es wäre schade, wenn wir dieses Raue verlieren würden, denn dann ist Berlin irgendwann überall gleich.“

Join our Newsletter

We'll send you newsletters with news, tips & tricks. No spams here.

Contact Us

We'll send you newsletters with news, tips & tricks. No spams here.