Gebäude am laufenden Band

Gebäude am laufenden Band 1024 576 HAMBURG TEAM
Faktor Mensch - Teamwork

Gebäude am laufenden Band

Was hat ein Auto mit einem Haus gemeinsam? Zunächst einmal nicht viel, sollte man meinen. Das könnte sich in der nächsten Zeit aber ändern, denn die aus der Automobilfertigung stammende Lean Production ist unter dem Begriff Lean Construction jetzt auch in der Baubranche auf dem Vormarsch. Die Frage ist, inwieweit sich die industrielle Fertigungsweise auf die Erfordernisse einer Baustelle und auf die Bedürfnisse des Handwerks anwenden lässt. Alles nur eine Frage der Organisation?

Auf der Baustelle Hansaterrassen in Hamburg-Hamm herrscht hohe Betriebsamkeit. Eine Vielzahl verschiedener Gewerke ist mit dem Ausbau der insgesamt sechs Wohnhäuser des Bauvorhabens beschäftigt. Nichts Außergewöhnliches ist auf den ersten Blick zu entdecken, außer dass die Baustelle einen sehr aufgeräumten Eindruck macht. Auffallend allein sind die großen Terminpläne mit Farbpunkten in den Ampelfarben grün, gelb und rot, die in allen Etagen auf dem Flur hängen – ein untrügliches Zeichen dafür, dass auf dieser Baustelle Lean Construction praktiziert wird.

Das aus der Automobilbranche stammende Produktionssystem wird heute federführend durch Porsche Consulting, ein Tochterunternehmen des gleichnamigen Automobilherstellers, für die Bauwelt adaptiert. „Wir beraten seit etwa 10 Jahren auch Unternehmen aus der Baubranche“, sagt Annkatrin Schneider, Beraterin aus dem für die Baubranche zuständigen Team bei Porsche Consulting. „In den letzten Jahren hat es einen deutlichen Schub gegeben. Immer mehr Baufirmen und Projektentwickler interessieren sich für diese Fertigungsweise.“

Lean Construction ist kein Allheilmittel für die Probleme mit denen die Baubranche heute zu kämpfen hat, wie explodierende Kosten für Material und Handwerksleistung sowie steigender Termindruck bei gleichzeitiger Sicherung hoher Qualität. Vielmehr ist es ein ganzheitlicher Ansatz zur Optimierung des Bauprozesses, der weit vor der eigentlichen Bautätigkeit beginnt. Eine genaue Vorplanung, bei der bereits der Zeit- und Materialbedarf für die gesamte Bauphase ermittelt wird, ist dabei ein ganz wichtiger Aspekt und die Basis für das darauf aufbauende Prozessmanagement. Im Unterschied zu klassischen Projektstrukturplänen wird beim Lean Construction ein Detailzeitplan aufgelegt, der in so genannte Takte – eine Vielzahl gleicher Zeiteinheiten – aufgeschlüsselt ist. Während bei Porsche am Fließband ein Takt von etwa vier Minuten herrscht, bevor das Band weiterläuft, lässt er sich auf der Baustelle bis auf einen Tag herunterbrechen. Bewährt hat sich die wochenweise Planung mit fünf Tagen. Dieser Zeitraum wird mit einer bestimmten zu erbringenden Leistung hinterlegt. Das jeweilige Gewerk genießt in diesen Tagen garantierte Baufreiheit, die Leistungen des Vorgewerks sind vollständig abgeschlossen. „Wir bauen praktisch einen Zug mit unterschiedlichen Waggons, in denen jeweils ein Gewerk sitzt, den so genannten Gewerkezug,“ erläutert Annkatrin Schneider das Grundprinzip. „Und dieser Zug fährt das Gebäude ab.“ Ist der Nachunternehmer bereits am Mittwoch in dem vorgegebenen Bereich fertig, kommt er trotzdem erst am darauffolgenden Montag wieder und setzt seine Arbeit im nächsten Taktbereich fort. Zur Einhaltung und Kontrolle des Taktes kommt ein Ampelsystem zum Einsatz, mit dem tagesaktuell der Leistungsstand durch die Bauleitung vor Ort kontrolliert und bewertet wird. Geht die Ampel für einen Leistungsbereich auf gelb, ist von der Bauleitung erhöhte Aufmerksamkeit gefragt, rot signalisiert ein echtes Problem. Doch so weit soll es gar nicht erst kommen.

„Wir bauen praktisch einen Zug mit unterschiedlichen Waggons, in denen jeweils ein Gewerk sitzt, den so genannten Gewerkezug. Und dieser Zug fährt das Gebäude ab.“

„Die Gewerke nehmen die Arbeit ihres Vorgewerks am Ende jeder Leistungsphase per Unterschrift ab und kontrollieren sich damit gegenseitig.“

Die Vorteile von Lean Construction liegen in klar strukturierten, nachvollziehbaren Prozessen und hoher Transparenz für alle, die am Bau beteiligt sind. Daraus ergeben sich höhere Terminsicherheit und Projektstabilität für Bauherrn und Generalunternehmer, die zu jedem Zeitpunkt genau wissen, wo das Bauvorhaben steht. Nachunternehmer erhalten gleich bei Auftragserteilung eine detaillierte Zeit- und Kapazitätsplanung. Als weiteren positiven Effekt benennt Annkatrin Schneider eine entspannte Arbeitsweise für die Verantwortlichen auf dem Bau, für Bauleiter und Poliere, die in der Baubranche unter hohem Arbeitsdruck ständen und nicht selten wegen Überlastung mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hätten.
Thorsten Klemz ist Polier auf der Baustelle Hansaterrassen – seiner ersten Baustelle mit Lean Construction. Jeden Morgen trifft er sich mit den verschiedenen Nachunternehmern zur Bewertung von Bautenstand und Sauberkeit auf der Baustelle. „Die Gewerke nehmen die Arbeit ihres Vorgewerks am Ende jeder Leistungsphase per Unterschrift ab und kontrollieren sich damit gegenseitig“, sagt Klemz. „Nur wenn Probleme auftauchen, dann treten wir in Aktion.“ Letzten Endes sei seine Arbeit dadurch einfacher geworden, fasst er den Unterschied zu klassischer Bauabwicklung zusammen, merkt aber an: „Das einzige, was uns als Polieren immer noch ein bisschen schwer fällt ist zusehen zu müssen, wenn mal in irgendeiner Etage mehrere Tage niemand arbeitet. Da jucken uns natürlich immer die Finger. Aber wir dürfen niemanden vorziehen. Der Takt muss eingehalten werden.“

Dieser neue Takt auf der Baustelle findet auch bei den Nachunternehmern mehrheitlich Anklang. Die Schweriner EFT GmbH baut in den Häusern der Hansaterrassen den Estrich ein und hat erstmalig in vollem Umfang mit Lean Construction zu tun. Für Firmenchef Gerhard Witt überwiegen die Pluspunkte: „Der Riesenvorteil für uns ist die komplette Planbarkeit dieses Bauvorhabens. Wir wussten hier schon bei Auftragsvergabe ganz genau, was in den folgenden sechs Monaten zu machen ist.“ Als einzigen Nachteil sieht er Leistungsphasen, in denen sein Gewerk nach Plan schon am Mittwoch fertig ist, seine Leute nach drei Tagen wieder zurückfahren müssen und dann erst in der nächsten Woche wieder anrücken können. Doch letztlich zähle für ihn die Planbarkeit deutlich mehr, und zudem gestalte sich für ihn die Bauleitungstätigkeit deutlich einfacher und stressfreier.
Jens Bösenberg ist beim Türbauer Behr Objekt GmbH für die Baustelle Hansaterrassen zuständig und steht der Arbeit mit Lean Construction auch prinzipiell positiv gegenüber. „Einen Überblick, was in welchem Zeitfenster stattfindet, habe ich bei konventionell geführten Baustellen auch, doch werden da schon einmal die Gewerke nach Bedarf vor Ort hin- und hergeschoben, so dass es zu Behinderungen kommt. Hier bleibt es bei klaren, verbindlichen Strukturen, und es ist für uns deutlich entspannter, wenn es so strukturiert abläuft.“ Einen gewissen planerischen Mehraufwand für sich sieht er schon. Auch die Zulieferbetriebe müssten hier mitgenommen, kleinere Liefermengen und häufigere Anlieferungen verhandelt werden. Doch die Situation auf der Baustelle entspanne sich dadurch für die Monteure, zumal diese mit Bauelementen mit fertigen Oberflächen umgingen, die leicht beschädigt werden könnten, wenn Vorarbeiten nicht restlos abgeschlossen seien.
Ein System, das so minutiös durchgetaktet ist, ist störanfällig. Kleine Verzögerungen lassen sich zwar unproblematisch durch mehr Arbeitsstunden am Tag oder durch Arbeit am Wochenende abfangen. Die Insolvenz eines zentralen Ausbaugewerks, Lieferengpässe bei Baustoffen und Fertigteilen oder ein eisiger Winter können aber auch Lean Construction zum Erliegen bringen. Kommen diese Unwägbarkeiten des Bauens zum Zuge, sind alle Baustellen – ob getaktet oder konventionell organisiert – auf einen Schlag gleich.

„Der Riesenvorteil für uns ist die komplette Planbarkeit dieses Bauvorhabens. Wir wussten hier schon bei Auftragsvergabe ganz genau, was in den folgenden sechs Monaten zu machen ist.“

Herr Wulff, warum ist Lean Construction für Sie aktuell kein Thema?

Wir glauben, dass man die stationäre Industrie mit ihrer Fließbandproduktion, d.h. einer sauberen Produktionshalle, Prozessen, die minutiös auf die Millisekunde genau gesteuert werden können und damit auch just-in-time-Lieferungen ans Band ermöglichen, überhaupt nicht vergleichen kann mit den Gegebenheiten auf einer Baustelle. Die befindet sich draußen

und muss mit unterschiedlichsten Wetterverhältnissen klarkommen. Außerdem ist die Herstellung eines Hauses eine Handwerksleistung und kein Industrieprodukt, das ich bis ins Kleinste vorplanen und dann mittels hoher Stückzahlen sehr effizient herstellen kann.

Hansaterrassen

Erfahren Sie mehr über unser Projekt Hansaterrassen in Hamm/Süd

    Join our Newsletter

    We'll send you newsletters with news, tips & tricks. No spams here.

      Contact Us

      We'll send you newsletters with news, tips & tricks. No spams here.